„Psychologisierung“ von ME/CFS

potenziell schädigende psychosomatische Krankheitsmodelle

Durch den Mangel an körperlichen Erklärungs- und Behandlungsmöglichkeiten von ME/CFS wurden in den 1990er Jahren Modelle entwickelt, die ME/CFS als psychosomatische Erkrankungen ansehen. Die dazugehörigen psychotherapeutischen Behandlungen basieren auf der Annahme, dass die ME/CFS-Symptomatik durch verzerrte Denkmuster zustande kommen würden: Betroffene würden ihre Aufmerksamkeit zu sehr auf ihre körperlichen Beschwerden richten, dadurch Ängste gegenüber Anstrengungen entwickeln und daher körperliche Aktivitäten vermeiden. Durch diese Schonung würden ihre körperlichen Kräfte wirklich abnehmen (sog. Dekonditionierung), was die Ängste vor Anstrengung wiederum verstärken würde. Die psychotherapeutische Behandlung hat nun das Ziel, diese problematische Gedankenmuster zu verändern (Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)) und die Betroffenen wieder schrittweise zu aktivieren (graded exercise therapy (GET)). 

Dieser Behandlungsansatz wurde in einer groß angelegten wissenschaftlichen Studie untersucht. Die Wirkung dieser Behandlung war gering und die Ergebnisse sind aufgrund methodischer Mängel zweifelhaft. Im Oktober 2021 wurde von der britischen Gesundheitsbehörde NICE (das National Institute for Health and Care Excellence)  – nach ausführlicher Überprüfung des aktuellen Forschungsstandes – eine aktualisierte Richtlinie zur Diagnose und Behandlung ME/CFS veröffentlicht. Darin wird empfohlen, GET nicht in der Behandlung von ME/CFS-Patient*innen einzusetzen, weil hierbei das erhebliche Risiko einer Verschlechterung des Krankheitszustands besteht. Zudem sollte die KVT nur unterstützend angeboten werden, aber nicht zur ursächlichen Behandlung von ME/CFS eingesetzt werden.

Mittlerweile konnten viele wissenschaftliche Studien belegen, dass es sich bei ME/CFS um eine körperliche Erkrankung handelt. Dennoch hält sich das Gerücht einer psychogenen Ursache für ME/CFS hartnäckig.

Stigmatisierung und ME/CFS

ME/CFS-Betroffene erleben in ihrem Alltag ein hohes Maß an Stigmatisierung: vor allem durch Ärzt*innen und das persönliche Umfeld.  

Eine Umfrage der European Federation of Neurological Associations (EFNA) zum Thema „Stigma und neurologische Erkrankungen“ ergab zum Beispiel, dass das Stigma in der Interaktion mit medizinischem Personal und danach in der Interaktion mit der  Öffentlichkeit und Freunden für ME/CFS-Betroffene am problematischsten eingestuft wird.

mein Ansatz und meine Haltung in der psychologischen Begleitung von ME/CFS-Betroffenen