Pacing

Pacing ist ein wirksames Prinzip des Energiemanagements im Umgang mit ME/CFS. Es bedeutet, dass sich Betroffene ihre Energie so einteilen sollen, dass sie unterhalb ihrer individuellen Leistungsgrenze (die auch von Tag zu Tag stark variieren kann) bleiben. So sollen PEM bzw. “Crashes” möglichst vermieden werden und somit eine dauerhafte Verschlechterung der Symptomatik und des Gesundheitszustands verhindert werden. 

Das vorrangige Ziel von Pacing besteht darin, die Leistungsgrenzen, die von der Krankheit gesetzt werden, zu spüren und zu respektieren

Die Aktivitäten, die trotz Pacing noch zu bewältigbar sind und die verfügbare Energie sind sehr individuell. Manche Betroffene können noch begrenzt berufstätig sein oder mit Pausen leichte Haushaltsaufgaben erledigen. Andere wiederum können mit Pausen ihre Körperpflege erledigen. Bei schwerst Erkrankten kann allein Aufsetzen im Bett, Sprechen oder sensorische Reize (Geräusche, Berührungen, Licht etc.) zum Überschreiten der Belastungsgrenze führen. 

Pacing: Ein individueller Lernprozess

Es gibt viele gute Anleitungen zum Thema Pacing (siehe hierzu auch die Homepages der Gesellschaften für ME/CFS aus dem D-A-C-H-Raum).

Gerade am Anfang ist Pacing ein z.T. komplexer Lernvorgang, da sich die individuellen Belastungsgrenzen nicht nur von Person zu Person unterscheiden können, sondern sich auch von Tag zu Tag verändern können. 

Außerdem reagieren Betroffene auch unterschiedlich auf die Arten von Anstrengungen (körperlich, geistig, psychisch, sensorisch etc.). Zudem ist zu beachten, dass nicht nur unangenehme oder stressige Aufgaben zu viel werden können, sondern auch angenehme Aktivitäten oder Hobbies. So kann zum Beispiel Lesen vor der Erkrankung eine entspannende und erholsame Aktivität sein. Mit ME/CFS kann es aber notwendig sein, nur noch in kurzen Intervallen mit vielen Pausen zu lesen oder es muss auf das Lesen möglichst verzichtet werden, weil es zu viel Energie kostet. 

Beim Erlernen von Pacing kommt erschwerend hinzu, dass PEM zeitverzögert auftreten kann und der körperliche Zustand vor oder während einer Aktivität nicht immer anzeigt, ob die Aktivität über die Belastungsgrenze hinausgeht oder nicht. Das heißt zum Beispiel, dass nur weil sich eine betroffene Person heute gut fühlt, ein Spaziergang automatisch keine PEM auslösen kann. Es könnte außerdem sein, dass diese Person den Spaziergang nicht nur schafft, sondern sich währenddessen sogar recht gut fühlt. Auch dieser Umstand sagt nichts darüber aus, ob diese Person im Nachhinein PEM entwickelt. Deshalb kann es passieren, dass sich Betroffene aus Versehen selbst überfordern.

mögliche Auswirkungen von Pacing auf die mentale Gesundheit

Mit Pacing kann eine Stabilität des Zustands durch besseres Symptommanagement erreicht werden. Das bedeutet, Patient*innen können die Wahrscheinlichkeit für PEM oder “Crashes” reduzieren, ihre begrenzten Spielräume so „gefahrloser“ nutzen und so ein Gefühl von Kontrolle erleben.  

Allerdings kann Pacing auch eine Herausforderung für ME/CFS-Patient*innen sein. Eine Herausforderung, die es so bei anderen chronischen Erkrankungen nicht gibt und die auch noch zusätzlich zu den “normalen” Belastungen durch eine schwere, chronische Erkrankung dazukommt. Erfolgreiches Pacing bedeutet nämlich auch vor allem eines: Verzicht. 

Das bedeutet zum Beispiel, wachsam für die Signale des eigenen Körpers zu sein, konsequent zu sein, nein zu sagen, Aktivitäten sorgfältig zu planen, energiesparendere Alternativen für Aufgaben zu finden oder sogar Lebens- und Zukunftspläne zu verändern. 

  • Grande, T., Grande, B., Gerner, P., Hammer, S., Stingl, M., Vink, M., & Hughes, B. M. (2023). The role of psychotherapy in the Care of Patients with Myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome. Medicina, 59(4), 719.
  • Hainzl, A., Rohrhofer, J., Schweighardt, J., Hermisson, J., Hoffmann, K., Komenda-Lett, M.,Schlaff G., Schulz C., Stingl M., Thonhofer K. & Untersmayr, E. (2024). Care for ME/CFS: Praxisleitfaden für die Versorgung von ME/CFS-Betroffenen (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom). Download Praxisleitfaden: https://doi.org/10.5281/zenodo.12091631
  • Informationsblatt – Begleitende Psychotherapie bei ME/CFS: Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e. V. – https://www.mecfs.de/psychotherapie/
mein Ansatz und meine Haltung in der psychologischen Begleitung von ME/CFS-Betroffenen